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Kleidung ist wichtig. Auch dann, wenn wir auf der Strasse kaum noch jemandem begegnen und der soziale Austausch zwangsläufig aufs Minimum reduziert ist.

Von Jeroen van Rooijen

Das war ja zu erwarten, aber trotzdem danke allen, die sich nach Erscheinen der ersten Alferano-Lockdown-Episode echauffiert und mir geschrieben haben: Es gebe in diesen anspruchsvollen Zeiten ja wohl wichtigeres als das Outfit und das Styling. Auf Facebook giftete einer, ich möge mich doch zum Teufel scheren mit meinen Wildleder-Mokassins und Cashmere-Joggerhosen, im Home Office liesse er sich nicht auch noch von der Stilpolizei dreinreden.

Also, erstens: Wir reden niemandem drein, und wie die Polizei kontrollieren tun wir auch nicht – was wir bieten, ist Hilfestellung, Anregung, Inspiration und etwas Unterhaltung. Wer dafür nicht den nötigen Humor aufbringt, der hat in Zeiten von Corona wohl wirklich ein hartes Los gezogen. Zweitens: Kleidung ist nun mal nicht nebensächlich. Auch in Krisenzeiten nicht. Diesbezüglich rücken wir kaum einen Millimeter von unseren Überzeugungen ab.

Kleidung kann in herausfordernden Zeiten Halt geben und einen aufbauen. Ein frisch gebügeltes Hemd zu tragen ist ein anderer Akt der Zivilcourage als ein T-Shirt aus dem Tumbler zu ziehen. Apropos: Für das Dampfbügeln, eine meditative und obendrein die Atemwege pflegende Tätigkeit, hat man jetzt ja genügend Zeit. Wir sagen noch einmal: Es wird sich keiner zuhause im Anzug und Krawatte an den Laptop setzen. Aber es gibt Leute – wir gehören dazu, und viele unserer Kunden sicher auch –, denen hilft Kleidung, sich im Leben zurechtzufinden und aufgehoben zu fühlen.

Reissen wir uns also zusammen. Pflegen wir uns. Rasieren wir uns. Tragen wir frische Sachen. Kleidung baut uns auf. Jeder Soldat weiss: Ordnung muss sein, auch auf dem Schlachtfeld. «In a crisis, order matters, including forms of order that are purely symbolic» schrieb Stil-Kolumnist Robert Armstrong unlängst in der «Financial Times». Armstrong knüpft damit an den Pariser Couturier Christian Dior an, der «Simplicity, grooming and good taste» als die Schlüssel zum guten Leben anschaute – «They cannot be bought, but they can be learnt, by rich and poor alike».

Weitere Bonmots gefällig? Bitte, hier ist Adolf Loos, der grosse Apostel der zeitgenössischen Lebensart: «Als Gradmesser für die Kultur eines Staates kann der Umstand gelten, wie viele seiner Bewohner von der freiheitlichen Errungenschaft der guten Kleidung Gebrauch machen.» Loos schrieb dies 1920, also vor hundert Jahren. Damals hatte man gerade die spanische Grippe zu Besuch gehabt. Und vor fünfzig Jahren fügte der grosse englische Schneider und Royalist Hardy Amies an: «Zivilisation bedeutet die Achtung vor Gesetz und Ordnung, Wertschätzung von Erfindungen und Schönheit, das Suchen nach Liebe und Freundschaft.»

Also, im Namen der Zivilisation und des scheinbar akut gefährdeten Fortbestandes derselbigen, rufe ich Sie alle auf: Ziehen Sie sich GERADE JETZT etwas Nettes an. Als Zeichen der Hoffnung. Erlauben Sie bitte, dass ich ein letztes Mal einen grossen Autoren zitiere: «Wenn in einer Gesellschaft nicht-anständiges Verhalten, das es immer und überall gibt, (…) ständig belohnt wird, dann werden immer weniger Leute sich bemüssigt fühlen, noch anständig zu sein.» Nachzulesen bei Axel Hacke, in seinem gerade jetzt so aktuellen Büchlein «Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen.»

Jeroen van Rooijen
Jeroen van Rooijen ist Stilkritiker und war 2014 Mitbegründer des Alferano-Concept-Stores.
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