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Lockdown mit Stil

Noch geistert in manchem Kopf die Idee herum, dass die Beschäftigung mit Kleidung eine unmännliche Tätigkeit sei. Furchtbar altes Denken! Denn der Mann von heute hat sich von solchen altbackenen Klischees «emannzipiert».

Von Jeroen van Rooijen

Man liest ja vieles in dieser eigenartigen Zeit des Lockdowns – denn man hat ja Zeit dafür. Und entsprechend wird viel geschrieben. Auch solches, das besser nicht publiziert worden wäre. So erschien in einem Magazin der Sonntagspresse vor kurzem ein weinerlicher Text des Schweizer Autoren Peter Stamm, der über das Leid schrieb, welches er als Mann mit der Kleidung empfindet. Der vermeintlich lustige Text endet damit, dass ihn seine Freundin verlässt – just in dem Moment, in dem er glaubt, eine gewisse modische Reife erreicht zu haben. Weil sie findet, dass er sich zu sehr vom Zeitgeist manipulieren lässt.

Der Text war ein Ärgernis. Stamm zementiert mit dieser Erzählung veraltete Bilder vom notorisch ungelenken Typen, der weder ein Auge für Proportionen noch ein Minimum an Rückgrat bezüglich der Selbstoptimierung hat. Wahrscheinlich gab es diese Typen in den siebziger und achtziger Jahren, als in breiten Teilen der Bevölkerung noch ein Einverständnis darüber herrschte, dass Modemut «unmännlich», weil mit übertriebenem Effort und hohen Kosten verbunden sei.

Doch seit die weltweit tätigen Budget-Modeketten auch in der Schweiz ihre Filialen betreiben (seit Anfang der neunziger Jahre), gibt es kein vernünftiges Argument mehr dagegen, sich auch als Mann anständig anzuziehen. Wer anders argumentiert, ist mental stehengeblieben. Denn auch der Mann hat sich in den letzten vierzig Jahren «emannzipiert». Jüngere Typen sind neuen Silhouetten, Stoffen und Details gegenüber aufgeschlossener. Sie sind interessiert daran, eine gute Figur abzugeben, sie wollen schlank und modern aussehen.

Noch ist die Botschaft nicht überall angekommen. Natürlich gibt es auch die von Stamm beschriebenen Waschlappen noch. Sie hassen es, selbständig etwas Neues aussuchen zu müssen – vielen fehlen dazu die Übung, das Interesse und das Wissen. Sie lassen ihre Frau einkaufen, und diese kauft erst dann etwas, wenn es die Umstände nötig machen, also die alte Kleidung zerschlissen ist oder das Wetter eine neue Garderobe erfordert.

Mannsein bedarf heute etwas mehr als nur eines Bartes und eines Zipfels in der Leibesmitte. Ein bisschen Bewusstsein für die Optik und die Verpackung gehört heute dazu. Ein moderner Mann kauft selbst ein. Er weiss, was ihm steht. Er hat keine Angst vor weichen Stoffen und Farben, er kombiniert souverän auch zwei oder drei Muster. Er trägt den Anzug so souverän wie Smart Casual, er besitzt Schals, Einstecktücher, Foulards, Westen, anständige Socken oder coole Sneakers – es muss kein Kleid, Rock oder Kaftan sein. Wir bleiben trotz allem Männer.

Man kann diese Themen, wenn einem die Zeit für entsprechende Weiterbildung fehlt, auch delegieren. Noch immer stehen in vielen Fachgeschäften geschulte Berater, die Bescheid wissen. Oder es gibt Dienstleister, die einem den Modeberater bequem nach Hause oder ins Büro schicken. Der einem – so es gewünscht ist – die Styling-Entscheidungen weitgehend abnimmt. Das Angebot ist da, man muss die Chancen nur nutzen.

PS. Lesen Sie nicht zu viel, gehen sie lieber regelmässig joggen – nicht nur der Silhouette wegen. Man weiss ja inzwischen, dass die Corona-Welle neben den Alten vor allem die Dicken, Kurzatmigen und Bewegungsfaulen dahinrafft.

PPS. Nein, das neue Corona-Virus ist keine Erfindung der unersättlichen Modeindustrie.

Jeroen van Rooijen
Jeroen van Rooijen ist freischaffender Stilkritiker und war 2014 Mitbegründer des Alferano-Concept-Stores.
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